14.10.2017

15-10-2017


Vor fünfeinhalb Jahren habe ich diesen Blog angefangen, weil meine Mutter gerade gestorben war, und ich war am Ende. Jetzt, nach all dieser Zeit, in der so beschissen viel passiert ist, bin ich zurückgekommen, habe alles noch einmal gelesen, geweint, mich geärgert, dass ich nicht mehr weiter gemacht habe. 
Aber das letzte Jahr war hart, so unglaublich hart. Weil Alex sich umgebracht hat, so kurz vor Weihnachten. Weil ich dachte, ich bin schuld daran. Weil ich in ein Loch gefallen bin, aus dem ich monatelang nicht mehr rauskam. Weil Emma eines Tages ihre Sachen gepackt hat und gegangen ist. Weil ich dachte, ich gehe daran zugrunde. Weil Fabi jetzt in Kanada lebt, weil er Dinge verarbeiten musste, die man nicht verarbeiten will. Weil er mir unendlich fehlt. Weil Lisa nach Alex' Tod nicht mehr dieselbe ist. Weil ich Louis seit Ewigkeiten nicht in die Augen gesehen habe. Weil ich meine Ausbildung abgebrochen habe und irgendwann bei meinem Vater auf der Couch aufgewacht bin. Weil ich in eine Klinik musste, wo ich vier Monate lang versucht habe, an irgendwas zu denken, was mir Halt geben kann. Weil ich während dieser Zeit eine Scheißangst hatte, dass ich meine Tochter verliere. Weil ich vor zwei Monaten entlassen wurde. Weil ich jetzt alleine wohne und nachts der Stille lausche und mich frage, ob ich das schaffen kann. 
Das Ding ist, es war immer schwer für mich, mit meiner Krankheit richtig umzugehen. Ich musste immer aufpassen, nicht alles zu verdrängen, nicht zu sehr darin zu versinken, einen Mittelweg zu finden. Aber im letzten Jahr habe ich ans Aufgeben gedacht. Ich hatte dieses Gefühl leid, dass man kämpft und kämpft und kämpft und es wird nie besser. Nicht mal ansatzweise. Und ich habe meiner Tochter in die Augen gesehen und gar nicht mehr diese Hoffnung gespürt, die ich sonst immer im Bauch hatte, wenn sie da war. Da war nichts. Das hat mir Angst gemacht. 
Aber jetzt bin ich hier. Und vor fast zwei Wochen ist sie fünf Jahre alt geworden. Und sie kann Fahrradfahren und Seilspringen und mit Kreide auf der Straße malen, sie hat Freunde, sie klettert auf Bäume, sie geht mit Begeisterung zum Ballett, sie kommt morgens noch immer in mein Bett gekrochen und wenn sie weint, schmiegt sie sich an mich an, als wäre ich ihr berühmter Fels in der Brandung. Diese Dinge geschehen jetzt und ich bin dankbar dafür. Es war nicht leicht, aber ich bin wieder an einem Punkt angekommen, wo ich mich morgens über die Sonne freue, die durch mein Fenster fällt oder ich abends ausgehe und einfach feiere, wo ich nicht mehr jede Sekunde an all das denke, was ich verloren habe. 
Fabi ist nicht mehr da. Emma ist nicht mehr da. Alex ist nicht mehr da. 
Aber ich, ich bin da. Und das ist gut so. Und das ist alles, was es braucht, um dieses Leben lebenswert zu machen. 

Kommentare:

  1. Ich finde keine Worte für das was ich dir sagen will. Dieses Frühjahr hat sich auch jemand aus meinem Umfeld umgebracht und du hast Recht, manchmal ist es einfach so unglaublich hart. Ich habe mich oft gefragt was wohl mit dir passiert und ich kann dir gar nicht sagen wie sehr ich mich freue, dass du nicht aufgegeben hast und lebst.(und das obwohl ich dich nicht kenne) Der letzte Satz ist so eine unfassbar wichtige Erkenntnis und ich hoffe du vergisst das nie. Danke,dass du den Mut hast die Dinge auf zu schreiben. Dein Blog hat mir so geholfen, Leute in meinen Leben, die Depressionen haben besser zu verstehen, ich hoffe ich gehe dadurch besser mit Ihnen um. Danke Danke Danke! Ich wünsche dir und deiner Tochter von Herzen alles Gute! Schönen Sonntag!

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  2. Schön, dass du noch da bist, auch wenn du nicht mehr oft schreibst.
    Ich hoffe, du, ihr seid gut in die Woche gestartet. Es macht Mut, dass es weitergeht. :)

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